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Texte fallen nicht vom Himmel. Sie fangen mit Neugier an, graben sich durch Recherche — und leben davon, dass ich der erstbesten Antwort nicht traue und weiterdenke.

Hier zeige ich, wie ich denke, bevor ich schreibe. Und auch, wie ich denke, obwohl daraus nie etwas wurde.

Ich arbeite an historischem Storytelling, Medienkritik und didaktischen Konzepten. Manche Ideen haben es bis zur Umsetzung geschafft. Andere sind Entwürfe geblieben: aus Zeitgründen, wegen Budgets oder weil sich Entscheidungen verschoben haben.

Meine Texte und Ansätze haben Kante. Nicht alles ist glatt, nicht alles fertig. Ich zeige euch lieber den Putz als die Fototapete.

Try and error gehört für mich dazu. Wo, wenn nicht in den verworfenen Ideen, findet man eigentlich heraus, was funktioniert? Genau da beginnt für mich gutes Schreiben.

 

Reise zum Mittelpunkt der Erde

„Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! Welche Torheit!” So kommentiert Axel die kühne Idee seines Onkels, des exzentrischen Professors Otto Lidenbrock, im berühmten Roman von Jules Verne.

Stellt euch vor, ihr schnallt euch an. Natürlich nicht im Flieger, was zu Vernes Zeiten selbst schon visionär gewesen wäre. Nein, ihr startet mit einer Kapsel, die nach unten fährt. Tief nach unten. Durch Gestein, durch Hitze, durch alles, was wir über unseren Planeten zu wissen glauben, und ein bisschen von dem, was wir uns nur einbilden zu wissen.

Genau das habe ich für ein Schulprojekt gebaut. Kein Unterricht im herkömmlichen Sinn, sondern ein Hörspiel.

Meine Idee: Was, wenn sich Erdkunde nicht wie Erdkunde anfühlt? Was, wenn die Schüler:innen einfach mitfahren dürfen, statt einfach nur mitzuschreiben? Die SeismoCraft I war geboren, mit Countdown, Funksignalen und einer mutigen Expeditionsleiterin, die weiß, dass sie gerade etwas Unmögliches tut, und trotzdem ruhig bleibt. Zittern höchstens im Funkgerät, das hält die Spannung.

Die Reise führt durch vier Schichten. Zuerst die Erdkruste, im Schnitt 35 Kilometer dick auf den Kontinenten, unter den Ozeanen oft nur 5 bis 10. Dünn wie eine Apfelschale, gemessen am Gesamtdurchmesser der Erde. Darunter der Erdmantel, mit etwa 2.900 Kilometern der größte Teil des Erdinneren. Hier fließt Gestein, das fest genug ist, um Kontinente zu tragen, und plastisch genug, um sie über Jahrmillionen zu verschieben. Gemächlich, denn Zeit hat hier andere Dimensionen. Die Temperaturen reichen bis 3.000 Grad Celsius. Dann der äußere Erdkern, flüssiges Eisen und Nickel, dessen Bewegung das Magnetfeld erzeugt, das uns vor Sonnenwinden schützt und dem Kompass seine Richtung gibt. Im Zentrum, in etwa 6.370 Kilometern Tiefe, liegt der innere Erdkern: fest, heiß, unter einem Druck, den sich niemand ausmalen kann. Rund 5.000 Grad Celsius, fast so heiß wie die Sonnenoberfläche. Als würde die Erde ihren eigenen kleinen Stern in sich tragen.

Bei der Konzeption lernte ich: Weniger ist mehr, aber die richtigen Details sind alles. Ein dumpfes Grollen im richtigen Moment erklärt mehr über tektonische Aktivität als drei Absätze Fließtext. Brodelndes Magma im Hintergrund macht spürbar, dass der Erdmantel kein starres Gestein ist, sondern ein träge fließendes System, das die Erdkruste wie Eisschollen auf einem sehr langsamen, sehr heißen Ozean trägt.

Schreiben für die Ohren ist eine eigene Disziplin. Man schreibt nicht nur, was die Figuren sagen. Es geht auch um die Zwischentöne und darum, wie die Stille danach klingt.

Quellen:

 
 
Satellitenaufnahme der Erde aus dem Weltall, NASA – Titelbild Blogartikel Reise zum Mittelpunkt der Erde

Die Erde

NASA, Public domain

 

Französische Revolution in 3D

Versailles im Sommer 1791. Das Schloss wirkt verlassen. Staub hängt an den Vorhängen, Gewänder liegen achtlos auf dem Boden und auf einer Königsstatue sitzt etwas fehl am Platze eine rote Jakobinermütze. Und ihr seid mittendrin. Eure Rolle: ein Pariser Polizist, der auf der Suche nach Spuren ist. Es besteht königliche Fluchtgefahr.

So begann das Konzept. Ich habe einen digitalen Escape Room zur Französischen Revolution entwickelt: sieben 3D-Räume, historische Ereignisse, Rätsel und Entscheidungen mit Konsequenzen. Wer dem überforderten Kammerdiener die Wahrheit sagt, landet im Kerker. Wer lügt, gelangt in den Ochsenaugensaal. Beide Wege führen schließlich zum Paradebett Ludwigs XVI. — und unter dem Kissen liegt ein Flugblatt mit offen monarchiekritischem Inhalt.

Der historische Rahmen wurde von mir bewusst eng gesetzt: zwei Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, kurz vor dem gescheiterten Fluchtversuch im Juni 1791. In der Nacht zum 21. Juni versuchte Ludwig XVI., Bourbonenkönig und an absolutistische Macht qua Geburt gewöhnt, inkognito in die österreichischen Niederlande zu fliehen, um Unterstützung gegen die Revolution zu organisieren. In Varennes wurde er dann erkannt. Ein Postmeister identifizierte ihn anhand seines Porträts auf einer Münze. Die königliche Familie wurde zurückgebracht, der König unter Hausarrest gestellt. Frankreich war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die Monarchie, die Ludwig kannte: Es war eine konstitutionelle Monarchie und dazu eine sehr fragile. Es brodelte in den Straßen Paris’.

Das Schloss, durch das sich die Spielenden bewegen, erzählt diese Geschichte in spannenden Details. Barocke Kleidung liegt in den 3D-Räumen verstreut herum. Sie symbolisieren Relikte eines Hofstaates, der seit dem Oktober 1789 in Paris leben musste, nachdem Marktfrauen und Nationalgardisten die königliche Familie dorthin gezwungen hatten. Der Ochsenaugensaal, einst Bühne des Lever du Roi — jenes streng ritualisierten Aufstehens des Königs — steht leer. Dass rund 98 Prozent der Bevölkerung die Steuerlast trugen, während Adel und Klerus privilegiert waren, erschließt sich hier nicht abstrakt. Es wird erfahrbar, wenn man im Spiel zum Beispiel selbst rechnet, vergleicht und dann Entscheidungen treffen muss.

Was mich dabei angetrieben hat: Geschichte ist kein Stoff, der nur gelernt wird. Sie ist ein Raum, den man betreten kann. Sie kann erlebbar gemacht werden. Dramaturgie ist dabei kein Extra, sondern das Bindeglied, das Fakten in Bedeutung übersetzt. Am Ende steht man als spielende Person vor der Entscheidung: Auf welcher Seite stehe ich? Eine Frage, die sich nicht nur Revolutionäre stellen mussten, sondern auch diejenigen, die das System lange stützten und als gottgegeben ansahen.

Am 17. Januar 1793 wurde Ludwig XVI. vom Nationalkonvent mit knapper Mehrheit zum Tode verurteilt: 361 Stimmen dafür, 360 dagegen. Vier Tage später, am 21. Januar, wurde er hingerichtet. Im Oktober desselben Jahres folgte Marie Antoinette. Das Ancien Régime endete nicht mit einem einzelnen Paukenschlag, sondern in einer Abfolge von Entscheidungen, und eine davon entschied sich um eine Stimme, die den Unterschied machte. Versailles blieb zurück als Hülle: ohne Hofstaat und ohne Inszenierung. Ein Gebäude historisch aufgeladen und weiterer Schauplatz der Mächte im 19. und 20. Jahrhundert.

Letztendlich wurde das Projekt am Ende nicht umgesetzt. Weniger wichtig sind die Gründe als das, was geblieben ist: ein ziemlich klares Verständnis dafür, warum Gaming-Denken fürs Storytelling so wertvoll ist. Wer Entscheidungen mit Folgen baut und Räume schafft, die Geschichte lebendig werden lassen, denkt automatisch in Spannung und verschiedenen Perspektiven. Genau das war mein Learning.

Quellen:

 
 
Historischer Kupferstich König Ludwig XVI. von Frankreich – Titelbild Blogartikel Französische Revolution in 3D

Ludwig XVI. mit Jakobinermütze

Farbkupferstich von 1792

Unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Female Gap bei Wikipedia

Neun von zehn Wikipedia-Autoren sind männlich. Das zeigen Wikimedia-Daten von 2018. Gerade mal ein Prozent ordnet sich einem anderen Geschlecht zu.

Ich bin Historikerin. Ich kenne die Folgen fehlender Perspektiven aus erster Hand: Nicht, dass die Fakten allein falsch sind. Sie fehlen schlicht einfach.

Das Problem reicht über Wikipedia hinaus. Es betrifft die Wissensproduktion insgesamt. Rund 20 Prozent der biografischen Artikel handeln von Frauen, über fast 300 Sprachversionen hinweg. Studien schätzen den Anteil weiblicher Autorinnen auf 8,5 bis 16 Prozent. Das Ziel der Wikimedia-Bewegung, 25 Prozent zu erreichen, bleibt unerfüllt. Dazu kommt die Inhaltsverzerrung: Wer schreibt, setzt Schwerpunkte aus dem eigenen Blickwinkel und der eigenen Sozialisation heraus. So entstehen Lücken, die neue Autorinnen abschrecken und den Gap stabilisieren.

Es gibt aber auch Gegenbewegungen. Das Projekt Women in Red erstellt zum Beispiel gezielt Artikel über Frauen und hat seit 2015 einen großen Anteil neuer Biografien von Wissenschaftlerinnen angestoßen. Bei Biologinnen zeigt sich endlich ein Effekt. Seit 2022 ist die Wahrscheinlichkeit für einen Wikipedia-Eintrag dort höher als bei männlichen Kollegen. Ein Fortschritt und gleichzeitig auch ein Beleg dafür, wie viel gezielte Arbeit nötig bleibt, um feste Strukturen zu verschieben.

Wikipedia bleibt unverzichtbar: Einstieg, Überblick und Quellenfundus. Ich nutze es täglich, aber mit klarem Blick auf seine Lücken. Denn Geschichte wurde nicht nur von Männern gemacht, sie wurde nur aus deren Perspektive aufgeschrieben und interpretiert. Ein gutes Beispiel ist das Bild von Steinzeitmenschen in Schulbüchern: Die Männer jagen, die Frauen sammeln und kümmern sich um die Kinder, machen also die Care-Arbeit. So die Vorstellung der Archäologen im 19. Jahrhundert, als Ausgrabungen Konjunktur hatten. Natürlich hauptsächlich bei den männlichen Kollegen, „Mann“ blieb lieber unter sich. Aber diese Kategorien kannten die Steinzeitmenschen selbst gar nicht. Auf die Jagd gingen alle, die körperlich und mental fit waren, Männer wie Frauen. Die Bilder in den Büchern zeigen also den männlichen, patriarchalischen Blick des 19. Jahrhunderts, unkritisch übernommen bis heute.

Wer schreibt, prägt also, was bleibt. Das gilt für Enzyklopädien, Schulbücher und Social Media gleichermaßen. Deshalb schreibe ich. Und stelle mir bei jedem Text dieselbe Frage: Wessen Stimme, wessen Perspektive fehlt hier eigentlich?

Quellen:

 
 
Animierte Grafik zum Gender Gap unter Wikipedia-Autoren – Datenbild Blogartikel  Female Gap bei Wikipedia

Gender gap in Wikipedia

Subhashish Panigrahi, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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